Das Auto is nicht am fahren

Henk Wolf, 30.3.2021

Letzte Woche war ich beim Norddeutschen Linguistischen Kolloquium dabei – oder „virtuell dabei“, denn das sympathische Linguistentreffen fand wegen Corona online statt. Ich habe da meine eigene Forschung zum Wörtchen ‚wat‘ präsentiert – darüber später vielleicht mehr. Jetzt möchte ich jedoch etwas über einen anderen Vortrag erzählen.

Sprachforscherin Katharina Zaychenko von der Universität Kassel erzählte über einen Unterschied zwischen Deutsch und Englisch. Wenn englischsprachige Kinder eine Zeichnung beschreiben, auf der zu sehen ist, wie ein Auto über eine Straße fährt, an deren Ende eine Garage steht, erwähnen sie die Garage oftmals nicht und sagen einfach: ‚The car is driving‘. Deutschsprachige Kinder machen das anders. Die erwähnen viel öfter die Garage. Sie sagen auch nicht, dass das Auto ‚am fahren‘ oder ‚beim fahrend‘ ist, nein, ‚das Auto fährt in die Garage‘ ist die üblichste Beschreibung.

Der Sprachgebrauch – in der Sprachwissenschaft ‚Pragmatik‘ genannt – ist also unterschiedlich: Englischsprachige betonen den Bewegungsverlauf, Deutschsprachige das Ziel. Es ist nicht so, dass alle das immer nur so machen oder dass man es nicht anders sagen könnte, aber im großen und ganzen findet man diesen Unterschied.

Pragmatik darf nicht vergessen werden, wenn man eine neue Sprache lernt. Ein gutes Vorbild waren die Friesischkurse der Afûk in Ljouwert/Leeuwarden. Niederländischsprachige Ärzte lernten nicht nur die Vokabeln und die Wortfolge der friesischen Sprache, sondern auch, dass Friesen gerne untertreiben – ein Friese könnte dem Arzt zutrauen, er habe mal mehr Hunger gehabt, und dies könnte bedeuten, dass es ihm seit einer Woche nicht gelungen ware, etwas zu essen. Der holländische Arzt würde die Äußerung ohne Kenntnisse dieses Sprechstils einfach falsch verstehen und meinen, dass nichts schlimmes war.

Leider spielt Pragmatik im Sprachunterricht oftmals eine sehr bescheidene Rolle. Das ist schade, auch wenn es sich um kleine Sprachen handelt, denn nur zu oft werden diese behandelt, als ob man sie fast Wort für Wort aus der Landessprache übersetzen könnte.

Dies fiel mir neulich auf, als jemand auf Plattdeutsch „Schriever*sch“ schrieb. Aus niederländischer Sicht wirkt Amtsdeutsch schon sehr bürokratisch und diese Schreibformen kommen einem noch bürokratischer vor als das ständige „…erinnen und …er“, das man im Radio hört.

Aber: ist halt Deutsch. Die deutsche Sprache hat nicht umsonst Wörter wie ‚Kanzleisprache‘, ‚Amtdeutsch‘ und ‚Bürokratendeutsch‘. Wer Deutsch spricht, muß sich – wenn auch manchmal ein wenig widerwillig – den deutschen Konventionen beugen.

‚Kanzleiniederländisch‘, ‚Amtsplatt‘ und ‚Bürokratenfriesisch‘ sind jedoch niemandem ein Begriff. Der amtsdeutsche Sprachgebrauch kann daher nicht ohne weiteres in andere Sprachen übertragen werden und Deutschkundige, die eine andere Sprache verwenden, sollen sich ständig fragen, ob sie nicht gegen den Sprachgebrauch verstoßen. Auf Niederländisch würde ‚Dichteressen en dichters‘ sehr fremd wirken, etwas wie ‚dichter*essen‘ sähe aus, als ob man vermeiden wollte, ein Schimpfwort ganz auszuschreiben. Auch die, die Friesisch oder Platt schreiben, sollen sich ständig fragen: Bediene ich mich jetzt der plattdeutschen Pragmatik oder ist das Übersetzungsauto am falschfahren?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.