Die Luken zuziehen

Henk Wolf, 22.2.2021

Vor 1500 Jahren hatte die Sprache Westgermanisch sich noch nicht aufgeteilt. Aus dieser alten Sprache sind moderne Sprachen wie Friesisch, Hoch- und Niederdeutsch, Niederländisch, Englisch und Afrikaans hervorgegangen.

Ihre gemeinsame Herkunft ist noch deutlich sichtbar. Sie haben viele Wörter gemeinsam, die mit ständigen, kleinen Anpassungen immer wieder von Eltern an Kinder weitergegeben wurden. Interessant sind daher vor allem die Wörter, die nicht gemeinsam sind. Die Wörter für ‚ziehen‘ sind wundervolle Beispiele, weil die westgermanischen Sprachen dafür soviele unterschiedliche Begriffe haben.

Das hochdeutsche ziehen hat die gleiche Herkunft wie das englische tow und das nordfriesische tiinj. Diese Wörter sind unmittelbar aus dem Westgermanischen hervorgegangen, also immer „von Papa und Mama übernommen“ und nicht von den anderssprachigen Nachbarn. Die Urbedeutung is vermutlich ’schleppen‘.

Die englische Sprache hat für ‚ziehen‘ weiterhin die Wörter draw und pull. Das Verb draw hat die gleiche Herkunft wie das deutsche ‚tragen‘. Im Westgermanischen war die Bedeutung wahrscheinlich noch ’schleppen‘. Dass in der einen Sprache daraus die Bedeutung ‚ziehen‘ und in der anderen Sprache die Bedeutung ‚tragen‘ hervorgegangen ist, kann man sich einigermaßen vorstellen.

Trekken wird in den Sprachen Niederdeutsch, Niederländisch und Afrikaans verwendet. Die Herkunft ist unbekannt. Es wird spekuliert, dass dieses trekken aus der Sprache des Hünenbettgrabvolkes, das vor Tausenden von Jahren in unserer Region lebte, übernommen wurde.

Und dann zum Wort luke, das in den friesischen Sprachen des Saterlandes und der Provinz Fryslân verwendet wird. Das hat eine ganz andere Geschichte. Es bedeutete ursprünglich ’schließen‘. In der englischen Sprache hat lock diese Bedeutung immer noch. Wenn man jedoch bedenkt, dass man Luken (auch ein verwandtes Wort) schließt, indem man sie zuzieht, kann man schon verstehen, wo dieses scheinbar merkwürdige friesische Wort herkommt.