Ein Tunnel unter der Sagter Ems

Henk Wolf, 30.4.2022

In den vergangenen Monaten habe ich fast jeden Montag Vormittag eine “Sprechstunde” im Strücklinger Mandehuus gehalten. Diese Sprechstunden sind jetzt erstmal vorüber. Sie haben mir jedoch viel gebracht. In nächster Zeit werde ich so ab und zu über Sachen berichten, die mir die Strücklinger in dem gemütlichen Gemeinschaftsraum gegenüber der St-Georgs-Kirche erzählt haben.

Ich wußte natürlich, dass in Bokelesch im Mittelalter ein Kloster gestanden hat. Der saterfriesische Name für Bokelesch ist schließlich nicht umsonst “Klaaster” (Kloster). Dass es sich um ein sogenanntes Doppelkloster handelte, also für Männer und Frauen, war im Internet einfach zu finden. In solchen Doppelklöstern lebten die Brüder und Schwestern in der Regel jedoch nicht unter einem Dach. Meistens hatten sie getrennte Wohnhäuser.

Eine meiner Gewährspersonen erzählte mir, dass das Herrenkloster und das Damenkloster sich an zwei verschiedenen Seiten der Sagter Ems befanden. Man würde sagen, dass damit jede Neigung zur Unkeuschheit in den beiden Klöstern im Keim erstickt worden wäre. Das jedoch wäre ohne die Saterländer gerechnet. Die Klöster seien, so meine Gewährsperson, nämlich durch einen unterirdischen Tunnel miteinander verbunden gewesen. Diese Unterquerung der Sagter Ems solle es den Mönchen und Nonnen erlaubt haben, sich nachts gegenseitig zu besuchen, damit sie … ja, was eigentlich? Gemeinsam fernsehgucken war es sicherlich nicht, was sie trieben.

Ob sich die Klöster wirklich an beiden Seiten des Wassers befanden, ist schon unklar. Den Tunnel hat es höchstwahrscheinlich nie gegeben, aber es ist doch schön, dass diese Geschichte, die meine Gewährsperson in den 1930er und 1940er Jahren von alten Saterländern aufgeschnappt hat, noch immer erzählt werden. Auf der ganzen Welt gibt es Volkserzählungen über geheime Tunnel zwischen Gebäuden. Ab und zu stellt sich heraus, dass solche mythische Tunnel wirklich existieren, aber weitaus die meisten sind ein Produkt der Phantasie.

(Auch unter dem Titel ‘Unkeusches Treiben’ als Kolumne im General-Anzeiger erschienen.)

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