Platt im Amt ist mehr als bloß eine Tradition

Henk Wolf, 20.1.2022

Beim Lesen der Artikel über den kleinen Sprachstreit im Gemeinderat von Ostrhauderfehn wurde ich an Frau Lidy Brummelkamp erinnert. Sie war in den 1990er Jahren Ratsmitlied in der damaligen Landgemeinde Wymbritseradiel in der niederländischen Provinz Fryslân und forderte, dass alle ihrentwegen Niederländisch sprachen, da sie das Friesische nicht verstand. Der Bürgermeister, der Rat und sogar ihre eigene Partei D66 machten ihr schnell klar, dass das ihr eigenes Problem sei, dass die freie Sprachwahl im Gemeinderat gesetzlich abgesichtert sei und dass diese in einer mehrsprachigen Region erhaltenswert sei.

Der Gemeinderat von Ostrhauderfehn tagt nur einmal im Jahr in sprachlicher Freiheit: Mitglieder, die Platt beherrschen, sprechen es dann auch. So war es jedenfalls jahrelang. Dieses Jahr meldete sich Grünen-Ratsherr Manfred Cybalski zu Wort. Wie damals Frau Brummelkamp forderte er, dass alle seine Ratskollegen seinetwegen auf ihre sprachliche Freiheit verzichteten, da er kein Platt verstehe.

Solche Ratssitzungen auf Platt sind nicht nur eine schöne moderne Tradition, sie sind auch Bestandteil eines Projekts zur Förderung bedrohter Sprachen – ein Projekt, das auf allen politischen Ebenen getragen wird: EU, Bund und Land haben sich zu der europäischen Charta der Regional- oder Minderheitsprachen bekannt, die als Ziel hat, die ständig von größeren Sprachen bedrängten Kleinsprachen wie Plattdeutsch und Saterfriesisch zu emanzipieren.

Leider ist die juristische Basis für Ratssitzungen in plattdeutscher Sprache nicht auf dem ersten Blick für alle klar. Sogar der Staatsrechtler Prof. Dr. Thomas Mann ließ sich im General-Anzeiger vom 18. Dezember verwirren, indem er nur auf das Verwaltungs-Verfahrensgesetz hinwieß, in dem “Deutsch ist Amtssprache” zu lesen ist.

Das ist jedoch nur die Hälfte der Geschichte. Viel weniger bekannt ist, dass die eben erwähnte europäische Charta für Niedersachsen explizit die Möglichkeit einräumt, dass im Gemeinderat Plattdeutsch gesprochen wird. Das gilt auch für andere Bundesländer und Schleswig-Holstein hat als “Umsetzung” der Charta extra eigene Gesetze geschrieben, die Niederdeutsch und Friesisch als Amtssprachen ermöglichen, während das Land Niedersachsen international Kritik erhielt, weil das Land dies nicht gemacht hat. Diese Kritik wurde aus Hannover jedoch mit der Begründung zurückgewiesen, dass ein neues Gesetz nicht nötig sei, da die Charta selber “anwendbares Recht” darstelle. In normaler Sprache: die Landesregierung sagt, dass in ihren Augen die Charta ein Gesetz ist, das es erlaubt, im Gemeinderat Platt zu sprechen. Studentin Anneke Schipper ist dieser Problematik in ihrer Bachelor-Arbeit “Die Amtssprache ist Deutsch?” 2019 auf den Grund gegangen. Die gut dokumentiere und sehr gut lesbare Arbeit ist einfach im Internet zu finden.

Jedes Ratsmitglied, das dazu beitragen möchte, dass Platt erhalten bleibt und sogar gefördert wird, kann in jeder Ratssitzung in Niedersachsen immer Platt sprechen. Es würde damit zu einem europäischen, deutschen und niedersächsischen Emanzipationsprojekt beitragen.

Grünen-Bundestagsabgeordnete Frau Filiz Polat ist Mitglied der beratenden Ausschüsse für Niederdeutsch und Friesisch. Sie setzt sich dafür ein, dass die kleinen, alteingesessenen Sprachen in Deutschland unterstützt werden und sich gerade auch in der Öffentlichkeit selbstbewusst darstellen können. Das ist genau, was man von einer Partei erwartet, die sich zur Vielfalt und zur Emanzipation von Minderheiten bekennt: dass sie ein großes politisches Projekt, das Vielfalt und Emanzipation als Ziel hat, soviel wie möglich unterstützt.

(Auch als Meinungsbeitrag im General-Anzeiger vom 20.1.2022 erschienen.)