“Tuun” ist kein typisch friesisches Wort

Henk Wolf, 28.8.2023

Im West- und Nordfriesischen, im Saterfriesischen und im ostfriesischen Plattdeutsch wird ein Garten mit “Tuun” oder ähnlichen Wörtern angedeutet. Bedeutet das, dass dieses Wort typisch Friesisch sein sollte, wie jemand neulich behauptete? Nein, das ist nicht der Fall.

Die ursprüngliche Bedeutung von “Tuun” ist Zaun – und dieses verwandte hochdeutsche Wort hat immer noch die alte Bedeutung. Das gilt auch für “Tuun” in den meisten plattdeutschen Mundarten.

In einem breiten Streifen, der ungefähr die niederländischen Provinzen, Nord- und Südholland, Utrecht, Fryslân und Groningen, sowie auch Ostfriesland, das Saterland und Nordfriesland umfasst, hat die Bedeutung sich gewandelt: Die Fläche, die vom Zaun umschlossen wurde, wurde selber “Tuun” genannt. Dieses Wort blieb in vielen Regionen “Tuun”, wurde jedoch durch regelmäßige Lautverschiebungen in anderen Gegenden “Tüün” oder “Töin” ausgesprochen. Mit dieser letzten Aussprache wurde es im Niederländischen zur Standardsprache. Die heutige offizielle Rechtschreibung ist “tuin”. Im Westfriesischen ist heutzutage die Aussprache “Tüün” mit der Rechtschreibform “tún” üblich.

Im Englischen passierte mit dem dort verwandten Wort “town” (Aussprache: “Taun”) ähnliches wie auf dem europäischen Festland: eine ummauerte Standt erhielt den Namen der Mauer und heute ist “town” das übliche Wort für viele mittelgroße und größere Ortschaften im englischen Sprachgebiet.

Solche Bedeutungswandlungen sind in der Sprachgeschichte sehr üblich und sie sind ansteckend. Wir sehen, dass immer mehr niederdeutsche Mundarten in den östlichen Niederlanden ihr Wort für Zaun jetzt auch in der Bedeutung “Garten” verwenden.

Dieser Bedeutungswandel hat im westniederländischen Landesteil Holland schon im 14. Jahrhunder stattgefunden und hat sich vermutlich von daraus langsam nach Osten ausgebreitet. Im mittelalterlichen Friesisch wurde “Tuun” nur für Zaun verwendet, die heutige Bedeutung muß also neueren Datums sein.

Übrigens ist der Bürgergarten mit großem Rasen oder mit großen gepflasterten Flächen ein ziemlich neues Phänomen. Wörter wie “Garten” und “Tuun” bezeichneten früher eher Gemüsegärten und Höfe. Auch diese Bedeutungsdehnung hat sich schleichend durchgesetzt.

2 Kommentare

  • Tido Specht

    Läip interesant. Man het dat wōrd “tûn” in ‘t Fīvelgauer landrecht (https://drw.hadw-bw.de/drw-cgi/zeige?index=tasiglen&term=FivelgoR.&seite=42&abschnitt=5) näit ōk al ‘n anner bīdüüden as blōt “sğüt” (dt. Zaun). “Thio thredde ned is: Sa thet kind is stocnakend jefta huslas […] and thio longe thiustre nacht on tha tunan hliet […]”. Hir is mit “tunan” do mēr ‘n insğüt’t feld mäint, un näit blōt ‘n sğüt.

  • Fuul Tonk foar’t Meetoanken, Tido. Disse Sats wädt inne Literatuur diskutierd un me is sik nit sicher, wo ‘r juust uursät wäide skäl. Mä Richthofen toank iek, dät me dän woarskienelk as “wan die Winter un ju Noacht uur dän Tuun (=Zaun) ljuchte” as ‘ne poetiske Beskrieuwenge foar “wan et holichtjuusterch is”. Uk ju Betjudengen fon ju latienske Versioon in Hungsingo “in ortos et sepes” is nit komplät düdelk. Woudelk wier dät sowät as “in/zwischen Anhöhen und Zäunen”. Et kon weze, dät dät ‘ne poetiske Beskrieuwenge fon ‘n Tuun (=Garten, Hof) is.