Zuviele Touristen oder zu wenige?

Henk Wolf, 29.4.2024

Der Vize-Vorsitzende der FUEV Bahne Bahnsen begrüsst die Teilnehmer

Wenn in einer Region keine Arbeit zu finden ist, ziehen junge Menschen weg, während andere arbeitslos bleiben. Eine solche ökonomische Lage bedroht die regionale Sprache und Kultur. Die Förderung des Tourismus kann dazu beitragen, dass viel mehr Menschen ein ordentliches Gehalt verdienen. Andererseits zwingt ein Übermaß an Touristen, die Einheimischen, ihre zu teuer gewordenen Dörfer zu verlassen und woanders hinzuziehen, während von der eigenen Kultur nur die (folkloristischen) Teile zurückbleiben, die vermarktet werden können.

Die Sorben in der Lausitz kennen beide Probleme nur zu gut und viele Verwaltungs- und nicht-Verwaltungsorganisationen in der Regionen arbeiten gemeinsam daran, einen Strukturwandel durchzuführen, die eine Form des Tourismus stimuliert, die die sorbische Gemeinschaft und ihre Sprache und Kultur verstärkt. Wie sie das machen und wie in anderen Regionen mit dem Fremdenverkehr umgegangen wird, war das Thema der diesjährigen Konferenz der Minderheiten ohne Mutterstaat der FUEV, die letzte Woche in Lübbenau im Spreewald stattfand.

Eine sehr ansprechende Idee zur Stärkung des Regionalen im Tourismus ist die Familienbox, die allen Besitzern von Ferienwohnungen in der Region zur Verfügung gestellt wird. Darin befinden sich unter anderem ein Memoryspiel mit den Sorben als Thema, ein Malbuch für Kinder mit regionalen Themen und ein farbiges Informationsheft über die Sorben mit Ideen für Tagesausflüge.

Einführung in die Geschichte der Lausitz

Die Tatsache, dass viele Touristen gerade die sorbische Sprache und Kultur als exotisch und attraktiv wahrnehmen, trägt außerdem dazu bei, dass auch in Dörfern, die ihren sorbischen Charakter größtenteils verloren haben, die Sprache erneut sichtbar wird. Ob auf Straßenschildern, Speisekarten oder Gurkentöpfen, sorbische Beschriftungen findet man inzwischen überall.

Das ist nicht ganze ohne Risiko. In der Lausitz kommt es auch ab und an mal vor, dass Touristen glauben eine sorbische Kulturveranstaltung zu besuchen, auf der jedoch die in sorbischer Tracht gekleideten Anwesenden alle Amateurschauspieler sind, die ohne jedwelche Kenntnisse der sorbischen Sprache oder Kultur von einer Vermittlungsagentur als atmenden Hintergrund auf die Veranstaltung geschickt wurden.

Die Veranstaltung war nicht nur lehrsam, sondern auch eine gute Gelegenheit zur weiteren Vernetzung. Etwa dreißig Vertreter von zwölf kleineren Sprachminderheiten in Europa brachten alle ihre eigenen Erfahrungen und Ideen mit. Minderheiten wie die deutschen Dänen oder kärntner Slowenen durften nicht mitmachen: Bei dieser Konferenzreihe sind nur Minderheiten eingeladen, die in keinem Land die Mehrheitskultur ausmachen. Die größte Gruppe waren die niederländischen Westfriesen, die kleinste die Saterfriesen.

Die große Begeisterung war von Anfang an spürbar, für niemanden war diese Konferenz eine Pflichtaufgabe. Alle stellten sichselbst, ihre Organisation und einige ihrer Projekte vor. Karl-Peter Schramm vertritt den Minderheitenrat, EBLUL Deutschland und den Seelter Buund und sprach ein Grußwort aus. Ich vertritt das Seeltersk-Kontoor und stellt die saterländische Tourismusbroschüre “Seeltersk foar aal / Saterfriesisch für alle” vor, die sehr gut angenommen wurde. Bahne Bahnsen von der Friisk Foriining aus Nordfriesland und Arjen Dykstra vom Ried fan de Fryske Beweging aus Westfriesland machten die vierköpfige friesische Vertretung komplett.

Tiefbaufirmen haben in den letzten Jahrzehnten viele sorbische Dörfer zerstört. Jetzt bemühen sich viele in der Lausitz, die zerstörte Landschaft in einen touristisch attraktive Seeenlandschaft umzuwandeln


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